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"Vertrieben - deportiert - ermordet" (19.05.2011)
Dr. Volland berichtet von den Schicksalsjahren Bremervörder Juden
Es waren auch die Schicksalswege der Menschen auf der Gedenktafel, von denen Dr. Klaus Volland in seinem Vortrag berichtete. Sie soll am Ratshaus an die jüdischen Bürger Bremervördes erinnern.
30 Juden lebten vor der Zeit des nationalsozialistischen Regimes in Bremervörde. Zehn von ihnen überlebten den Holocaust nicht. Von den Schicksalswegen der Umgekommenen und der zwanzig ins Ausland geflohenen Juden, erzählte Dr. Klaus Volland. Ein Foto: Zu sehen ist ein Paar - um sie herum Uniformierte. Die Frau trägt ein großes Schild vor ihrer Brust auf dem steht: „Ich bin am Ort das größte Schwein und laß mich nur mit Juden ein“. Ihr Partner wurde gezwungen, zu bekennen: „Ich nehm als Judenjunge immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer“. Das Foto entstand im Jahr 1933 in Cuxhaven und bildete den Auftakt des Vortrags „Vertrieben – verfolgt - deportiert“ von Dr. Klaus Volland. Die Basis dieses Vortrags waren Recherchearbeiten von Dr. Elfriede Bachmann zu Beginn der Neunziger Jahre sowie von Dr. Klaus Volland selbst.
Der berührende und erschreckende Vortrag des Experten in Fragen der Judenverfolgung in unserer Region, teilte sich in drei Teile: Vertrieben, deportiert und ermordet und zeigte, wie mit langsamen, aber stetigen Schritten, ein Regime ein ganzes Volk zu vernichten versuchte. Nach der Machtübernahme Hitlers versuchten Tausende Juden, Deutschland zu verlassen und gingen ins Exil. Ab dem Jahr 1933 erschwerten sich jedoch die Einreisebedingungen in Immigrationsländern wie die USA und Palästina und die Tendenz der Ausreisenden nahm ab. Auch war es ein finanzielles Problem, was häufig eine Rettung ins Ausland erschwerte. Die Bremervörder und Zevener Juden wählten häufig die Vereinigten Staaten als Emigrationsziel. Die ersten Bremervörder Juden, die 1934 beziehungsweise 1935 auswanderten, waren die Brüder Stephan Arno Leopold und Hans Leopold. Ihre Eltern, Max und Bella Leopold folgten ihnen 1939 nach der durch Boykottmaßnahmen erzwungenen Aufgabe ihres Manufakturgeschäfts in der Neuen Straße und nach den Verfolgungsmaßnahmen während und nach der Reichsprogromnacht, die auch in Bremervörde stattfand. Ihre Tochter Erika begleitete die Eltern. Max Leopold und die Kaufleute Julius Leeser, Julius Adler und Siegfried Heyn sowieso weitere Bremervörder Juden wurden nach der Reichsprogromnacht verhaftet, interniert und konnten später ins Ausland fliehen. Doch viele schafften diesen Weg nicht. Der Großteil, der in unserer Region lebenden und später ermordeten Juden, kam nicht in Konzentrationslagern ums Leben, sondern im Ghetto im weißrussischen Minsk beziehungsweise auf einer Hinrichtungsstätte im Wald von Blagowschtschina. Zahlreiche Juden aus dem Regierungsbezirk Stade, auch aus Bremervörde und Zeven wurden am 17. November nach Bremen gebracht. Von dort startete der Transport von 500 Juden nach Minsk per Bahn. Auch Frauen, Kleininder und Alte wurden für den angeblichen Arbeitseinsatz verschickt, darunter die 66-jährige Henriette Rosenthal aus Basbeck, geborene Leeser aus Bremervörde. Vor ihrer Deportation wurden ihre Bankkonten aufgelöst und sie mussten, wie überall in Deutschland, folgende Erklärung unterschreiben: „Ich bestätige hiermit, ein Feind der deutschen Regierung zu sein und kein Anrecht auf das von mir zurückgelassene Eigentum, auf Möbel, Wertgegenstände, Konten oder Bargeld zu haben. Meine deutsche Staatsbürgerschaft ist hiermit aufgehoben, ich bin vom 17. November an staatenlos.“ Es war eine Fahrt in Hunger, Krankheit und Tod, die die Juden antreten mussten. Viele Menschen fanden bereits während der Transporte ihren Tod, unter ihnen wahrscheinlich auch Bremervörder. Angekommen in Minsk, wurden sie in ein Ghetto gebracht. Pro Person standen 1,4 Quadratmeter Platz in Holzhäusern zur Verfügung. Lediglich zwei Küchen und nur zwei Kessel zum Kochen standen für 7.300 Personen bereit. Mittags gab es pro Kopf 300 Gramm Wasser, in dem fünf Gramm Buchweizen gekocht wurden. Es gab kein Fett zu essen, nur 150 Gramm Brot aus Buchweizenmehl diente am Tag als weitere Nahrung. Von den 7.300 deutschen Juden starben bis 1942 1.200 an Hunger, Kälte oder durch die „Lagerkrankheit“ (Durchfall). Weitere 3.500 wurden Ende Juli 1942 entweder im Ghetto selbst oder im Wald von Blagowschtschina erschossen. Im Ghetto lebten auch viele Juden aus anderen Nationen. Innerhalb von drei Tagen wurden 19.000 von ihnen auf Befehl von Dr. Eduard Strauch (Theologe und Jurist) erschossen - mehr als die Hälfte davon am ersten Tag. 2.600 Juden überlebten dieses grausame Gemetzel, um letztendlich in dem Wald, nebeneinander nackt am Massengrab stehend, wo schon Hunderte Tote drin lagen, exekutiert zu werden. Dabei spielten die Schlager der Saison und es stand Essen und Alkohol für die Todesschützen bereit. „Aktionen“ hießen die Massenexekutionen, die Werner Blumert aus Zeven, als einer von sehr Wenigen, überlebte. Auf seine Arbeitskraft wollte man nicht verzichten. Weder in Weißrussland, noch in Polen als Zwangsarbeiter und nicht in Dachau. Er kehrte nach seiner Befreiung am 13. Mai 1945 nach Zeven zurück und gründete dort ein Taxiunternehmen. Der Todestag seines Bruders Fritz und seiner Eltern Bernhard und Selma Blumert ist auf den 28. Juli 1942 datiert. Todesort: Minsk. (Bremervörder Anzeiger (Aranka Szabó v. 22.05.11))
Anmerkung: Namen der ums Leben gekommenen Bremervörder Juden: Bernhard Blau, Henriette Blau, Adele Leeser, Henriette Leeser, verheiratete Rosenthal, Merri Leeser, Joseph Nathan, Rebecka Salomon, verheiratet Lichtenstein, Sophie Salomon, verheiratete Struck, Max Solmitz, Paula Solmitz.
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